Deutschland ist nicht mehr das Land der Denker und Dribbler von einst. Dennoch haben unsere Philosophen und Fußballer eines gemeinsam: Ihre Äußerungen werden belächelt, und sie bleiben samt ihrem Anliegen oftmals unverstanden.
Dabei vereint beide Gruppen das Streben nach dem Sinn des Lebens, ganz gleich ob Existenzialist oder Stuttgart-Anhänger, Nihilist oder Frankfurt-Fan, Hegelianer („Das Wahre ist das Ganze.“) oder Rehagelianer („Jeder kann sagen, was ich will.“).
Nur hat der moderne Mensch heute weniger Zeit, über derartige Gedankenkonstrukte zu sinnieren. Er freut sich aber, wenn es andere tun – sofern es „medienadäquat“ ist. Am deutlichsten wird das, wenn man Immanuel Kant, nach wie vor Deutschlands Leitdenker, und Lothar Matthäus, den ehemaligen Leitwolf gegeneinander stellt. Denn inhaltlich trennt den Wegbereiter der Weltmeisterschaft von 1990 dabei nur wenig vom Wegbereiter der Aufklärung.
Diese bezeichnete der große Geist aus Königsberg vor über 200 Jahren als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ So etwas sendet selbst 3sat erst nach Mitternacht.
Ach, um wie viel präziser formulierte das doch der fröhliche Fußballfranke: „Ich, was meine Person betrifft, entscheide für mich alleine.“ Aber Undank ist der Welten Lohn, und „Lodda“ erntete nur Hohn statt Lob. Und er ist nicht der Einzige, den ein solches Schicksal ereilt hat.
Dabei ist „die normative Kraft des Faktischen“ (ebenfalls Kant) wohl nie besser beschrieben worden als von deutschen Fußballern. Preetz' „Da war dann jeder Treffer ein Tor.“, Sammers „Das nächste Spiel ist immer das nächste.“ oder auch Brehmes „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß!“ sind beredte Belege für das philosophische Potenzial unserer eloquenten Elitekicker.
Und die deutschen Trainer? Sie bewegen sich sogar in noch höheren Sphären. Einsteins Theorie der Relativität von Zeit und Raum wurde erst durch Berti Vogts fürs Volk in all seinen Dimensionen verständlich: „Die Breite an der Spitze ist dichter geworden.“ Aber Szenenapplaus? Auch hier: Fehlanzeige.
Es ist fürwahr ein Rätsel, warum jenen Menschen, die wie kaum sonst jemand Kopfarbeit mit Hand und Fuß verrichten, so wenig Anerkennung für ihre Universal-Weisheiten zuteil wird. Weder Pressemacher noch -konsumenten erkennen diese Verwandtschaft zwischen Vordenkern und Vorstoppern, der Hermeneutik, der Lehre, und Herberger, dem Lehrer der Erkenntnis.
Dabei zeigen sich diese Gemeinsamkeiten von Lenkern und Denkern seit jeher schon äußerlich: So widerstand der junge Breitner (München, Madrid) einst ebenso wie der alte Marx (Trier, London) der Diktatur der Rasur, Netzer (Kritiker der spielerischen Fertigkeiten) und Sloterdijk („Kritik der zynischen Vernunft“) haben heute noch den gleichen Haarschnitt, und der Aktionsradius von Möller (33) entspricht dem von Gadamer (101).
Was also tun? Vielleicht ist es am sinnvollsten, zumindest hin und wieder den alten, römischen Rat zu beherzigen: „Si tacuisses, philosophus mansisses.“ („Wenn du geschwiegen hättest, wärest du Philosoph geblieben.“). Andererseits sollten wir uns eingedenk der bevorstehenden Weltmeisterschaft vielleicht doch besser mit Prinz Poldis neuer Biomechanik anfreunden: „Wir müssen jetzt die Köpfe hochkrempeln …“
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